Mein Senf

Vielleicht suchst du in der falschen Richtung

Vielleicht suchst du in der falschen Richtung

Montag, August 3, 2026

Hast du dich auch schon einmal wie ein Rennpferd in der Startbox gefühlt?

Es scharrt mit den Hufen. Es ist ungeduldig. Es will endlich losrennen. Doch das Startsignal ist noch nicht gefallen. Die Sicht auf die Rennbahn ist noch versperrt. Es weiss, dass es losgehen wird, aber es weiss, nicht wie das Rennen sein wird.

Genau so habe ich mich über viele Jahre immer wieder gefühlt.

Von aussen betrachtet gab es dafür keinen Grund. Ich hatte spannende Aufgaben, durfte Verantwortung übernehmen und vieles gestalten. Trotzdem war da immer wieder diese innere Unruhe. Nicht ständig. Aber immer dann, wenn ich selber zur Ruhe kam, meldete sie sich wieder.

Es war keine Unzufriedenheit mit meiner Arbeit. Eher das Gefühl, dass etwas in mir darauf wartete, endlich wirksam zu werden.

Das Verrückte war: Mir fehlte es nicht an Ideen.

Im Gegenteil, gefühlt hatte ich fast jeden Tag eine neue Idee. An einem Tag war ich überzeugt, nochmals eine Weiterbildung machen zu müssen. Kurz darauf beschäftigte mich ein neues Projekt oder sogar eine völlig andere berufliche Richtung. Für einen Moment fühlte sich jeder dieser Gedanken richtig und passend an. Bis der nächste kam.

Mit der Zeit wurde das nicht nur für mich anstrengend. Auch mein Umfeld musste diese ständigen neuen Ideen und Richtungswechsel aushalten.

Damals glaubte ich, ich müsste einfach lange genug suchen. Irgendwann würde ich schon die richtige Antwort finden.

Vor einigen Jahren hörte ich an einem Kongress die britische Missionarin Jackie Pullinger erzählen. Seit Jahrzehnten arbeitete sie unter schwierigsten Bedingungen in Hongkong – mit Drogenabhängigen, Bandenmitgliedern und Menschen, die von der Gesellschaft längst aufgegeben worden waren.

Mitten in dieser Geschichte sagte sie einen Satz, den ich nie vergessen habe:

"Es ist so leicht, diese Arbeit zu tun."

Ich weiss noch, wie mich dieser Satz beschäftigte. Wie konnte sich eine Aufgabe, die so schwierig war, leicht anfühlen?

Erst Jahre später fiel für mich der Startschuss. Mit der Coaching-Ausbildung begann ich langsam zu verstehen, was sie gemeint haben könnte. Nicht, weil mein Weg plötzlich einfacher geworden wäre, und auch nicht, weil alle Fragen verschwunden wären. Sondern weil etwas anderes geschah.

Zum ersten Mal hatte ich nicht mehr das Gefühl, ständig nach der nächsten Idee Ausschau halten zu müssen, es macht sich eine Ruhe und Gewissheit breit, am richtigen Ort zu sein. Arbeit fühlte sich leicht an.

Heute weiss ich: Nicht meine Antworten waren das eigentliche Problem, ich hatte mir vor allem die falschen Fragen gestellt. Welcher Job passt wirklich zu mir? Welche Aufgabe würde mich erfüllen? Wo liegt meine Zukunft?

Das sind naheliegende Fragen. Aber irgendwann wurde mir bewusst, dass sie alle dieselbe Richtung haben. Sie richten den Blick nach aussen. Zur nächsten Stelle, zur nächsten Weiterbildung, zur nächsten Chance.

Vielleicht liegt genau dort unser Denkfehler. Nicht, weil die Fragen falsch wären. Sondern weil sie unseren Blick automatisch nach aussen richten.

Was wäre, wenn die entscheidende Antwort gar nicht irgendwo dort draussen auf uns wartet? Was wäre, wenn wir gar nicht zuerst etwas Neues finden müssen? Was wäre, wenn wir beginnen dürfen, freizulegen, was schon lange in uns angelegt ist?

Von diesem Moment an stellen sich nämlich andere Fragen.

Nicht mehr:

Was sollte ich tun?

Sondern:

Was möchte durch mich entstehen?

Ich begann nicht mehr nach etwas Ausschau zu halten, das ausserhalb von mir lag. Stattdessen schaute ich zurück. Ich achtete auf die Spuren, die mein Leben schon lange begleiteten. Auf Tätigkeiten, die mir Kraft gaben. Auf Momente, in denen ich ganz bei mir war. Auf Rückmeldungen von Menschen. Und auf Situationen, die sich – trotz aller Herausforderungen – erstaunlich leicht und stimmig anfühlten.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich für dieses Erleben einen Namen habe.

Ich nenne es Berufung.

Mir ist bewusst, dass viele Menschen mit diesem Begriff wenig anfangen können oder ihn sehr religiös verstehen. Für mich bedeutet Berufung etwas ganz Praktisches. Es ist der Moment, in dem das, was in einem Menschen angelegt ist, durch sein Leben sichtbar und wirksam werden darf.

Die Arbeit wird dadurch nicht automatisch einfach, aber sie wird stimmig. Und genau darin liegt für mich der grosse Unterschied.

Ein stimmiges Leben hängt nicht nur von unserer Arbeit oder unserer Tätigkeit ab. Dies ist nur eine von mehreren tragenden Säulen unseres Lebens. Beziehungen, Gesundheit, Spiritualität oder der Umgang mit uns selbst gehören genauso dazu. 

Wenn unsere Tätigkeit jedoch zu dem passt, was in uns angelegt ist, entsteht etwas, das ich nur schwer beschreiben kann.

Eine tiefe innere Ruhe.

Nicht die Ruhe, dass alles geklärt wäre. Sondern die Ruhe, angekommen zu sein und trotzdem weiter wachsen zu dürfen.

Vielleicht beginnt die eigentliche Suche deshalb nicht mit der Frage:

Was soll ich werden?

Sondern mit einer anderen:

Was möchte bei mir freigelegt werden?

Impuls aus der Lebenswerkstatt

Nimm dir zehn Minuten Zeit und denke an drei Situationen zurück, in denen du dich tief stimmig (im Flow) erlebt hast.

Nicht unbedingt Momente, in denen alles einfach war. Sondern Momente, in denen du gespürt hast:

Hier bin ich am richtigen Ort, hier kann ich einen Unterschied ausmachen.

Frage dich nicht, was du getan hast, sondern Frage dich:

Was macht mich lebendig? Was hat mich schon immer lebendig gemacht – von jung auf bis heute?

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