Mein Senf
Neulich begleitete ich eine junge Führungsperson im Coaching. Die Frage, die sie beschäftigte, kennen viele und diese Frage ist für junge Eltern nicht einfacher zu beantworten:
Kaderposition behalten oder stärker für die Familie da sein?
Auf den ersten Blick wirkte das wie ein klassisches Entweder-oder Frage:
- Karriere oder Familie.
- Führung oder Muttersein.
Und natürlich kamen auch die Stimmen von aussen: Erwartungen, Bilder, Meinungen – auch von anderen Frauen.
Was ist richtig? Was darf man wollen? Was sollte man tun?
Einige Zeit später meldete sie sich bei mir. Sinngemäss sagte sie:
«Das Coaching hat mir geholfen, Klarheit zu gewinnen. Ich weiss jetzt: Ich will in dieser Position bleiben. Und ich darf das wollen – auch wenn andere Frauen für sich einen anderen Weg wählen.»
Mich hat das berührt. Nicht weil ihre Antwort die richtige ist. Sondern weil es ihre Antwort ist.
Und genau darum geht es in guter Selbstführung.
Nicht einfach Erwartungen erfüllen. Nicht reflexartig dagegen rebellieren. Sondern die eigene innere Klarheit finden.
Ein Werkzeug, das dabei hilft, ist das Tetralemma. Doch es ist mehr als ein Denkmodell. Es ist eine ganzheitliche Erfahrung.
Im Coaching arbeite ich oft buchstäblich im Raum. Jede Option bekommt einen Platz. Die Person (Coachee) stellt sich hin, spürt in sich hinein. Wie fühlt sich an, welche Gedanken oder Bilder habe ich, wenn ich wirklich dort stehe? Was zeigt sich in mir, wenn ich mich auf «das andere» zubewege? Und dann: Was passiert, wenn ich den Platz für «beides» einnehme? Oder «keines von beidem»?
Das ist keine Übung für den Kopf. Der Kopf hat seine Meinung meistens schon lange gemacht.
- Es geht darum, in Resonanz zu gehen, mit sich selbst. Und plötzlich zeigen sich Antworten, die vorher nicht sichtbar waren. Nicht weil jemand sie geliefert hat. Sondern weil der Körper weiss, was der Kopf noch nicht formulieren kann.
Gerade bei persönlichen Entscheidungen ist dieses Vorgehen hilfreich. Nicht alle Fragen im Leben sind binär. Die Lösung liegt manchmal nicht im Wählen zwischen zwei Optionen, sondern darin, die Frage selbst anders zu stellen. Was wäre wenn ich beides habe? Sowohl als auch, den Fünfer und das Weggli, der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach?
Oder auf die Frage der jungen Führungsperson: Wie kann ich Führung und Familie so leben, dass sie zu meinem aktuellen Leben passt?
Für mich war dieses Coaching wieder eine Erinnerung daran, was gute Begleitung leisten kann: nicht die richtige Antwort liefern – sondern den Raum schaffen, in dem die eigene Antwort entstehen kann oder eben “erfunden” wird.

