Mein Senf

Arbeit als Teil des Lebens – warum „gute Arbeit“ mehr mit Sinn als mit Leistung zu tun hat

Arbeit als Teil des Lebens – warum „gute Arbeit“ mehr mit Sinn als mit Leistung zu tun hat

Sonntag, Januar 18, 2026

Arbeit nimmt einen grossen Teil unseres Lebens ein. Und trotzdem sprechen wir oft über sie, als wäre sie etwas rein Funktionales: Aufgaben erledigen, Ziele erreichen, Projekte abschliessen. Leistung wird messbar gemacht, Fortschritt in Kennzahlen gegossen. Am Ende zählt, ob der Plan eingehalten wurde.

Und doch bleibt bei vielen Menschen ein diffuses Gefühl zurück: Da fehlt etwas.

Dieses Gefühl begegnet mir immer wieder – in Gesprächen, in Organisationen, in Führungsworkshops. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass wir den Sinn von Arbeit verengt haben. Gute Arbeit ist nicht in erster Linie effizient. Sie ist nicht nur korrekt. Und sie kann sich nicht darin erschöpfen, ein Ziel zu erreichen. Gute Arbeit hat mit Sinn zu tun – und Sinn hat mehr mit Wirkung und Schönheit zu tun als mit Leistung.

Arbeit als Ausdruck von Wirkung

Wenn ich über Sinn nachdenke, dann nicht im Sinne eines abstrakten „Purpose-Statements“. Sondern ganz konkret: Arbeit soll etwas Gutes hervorbringen. Etwas, das wirkt. Etwas, das das Leben – für Kundinnen, Kunden, Kolleginnen, Kollegen oder die Gesellschaft – ein kleines Stück besser macht.

Schönheit ist dabei kein Luxus. Sie ist ein Hinweis darauf, dass Arbeit Sinn hat. Schönheit meint nicht Perfektion oder einen Designpreis. Schönheit kann ein gutes Gespräch sein. Eine klare Lernarchitektur. Eine verständliche Webseite. Ein Prozess, der Menschen nicht unnötig beschäftigt, sondern Wert schafft. Schönheit entsteht dort, wo Arbeit stimmig ist.

Problematisch wird es, wenn Arbeit nur noch dazu dient, sich selbst zu rechtfertigen: Projekte werden abgeschlossen, weil sie abgeschlossen werden müssen. Aufgaben erledigt, weil sie im Plan stehen. Die Wirkung gerät aus dem Blick. Hauptsache, der Meilenstein ist erreicht – selbst dann, wenn das eigentliche Ziel längst verloren gegangen ist. A plan is just a plan. Und er darf nicht zum Selbstzweck werden.

Wenn der Mensch zur Maschine wird

Dieser Fokus auf Leistung und Planerfüllung bleibt nicht ohne Folgen. Er verändert das Menschenbild in Organisationen. Menschen werden zu Ressourcen, Prozesse zu Steuerungsinstrumenten, Führung zu Kontrolle. Eigeninitiative und Selbstverantwortung haben es schwer – nicht weil Menschen sie nicht wollen, sondern weil Systeme sie oft nicht zulassen.

Das ist paradox. Denn wir leben in einer zunehmend komplexen Welt. Komplexe Probleme lassen sich nicht mechanisch lösen. Sie erfordern Denken, Erfahrung, Perspektivenvielfalt – und die Fähigkeit, sich vorzustellen, wie es funktionieren könnte. Wir sind mehr denn je darauf angewiesen, dass Menschen ihr Wissen, ihre Intuition und ihre Kreativität einbringen. Und gleichzeitig pressen wir sie in starre Zielsysteme, Bonusmodelle und Prozesse, die aus einer engen Innensicht heraus entworfen sind.

Ich bin überzeugt: Die meisten Menschen wollen gute Arbeit leisten. Sie wollen ihren Beitrag leisten. Sie wollen einen Unterschied machen. Wenn sie das nicht tun, liegt das selten an mangelnder Motivation – sondern oft an Strukturen, die Potenzial begrenzen.

Führung als Dienst an der Arbeit

Gute Arbeit beginnt bei Führung. Genauer: bei der Führungsperson selbst. Bei ihren inneren Überzeugungen. Bei der Frage, welches Menschen- und Weltbild ihr Handeln prägt. Ob sie davon ausgeht, dass Menschen grundsätzlich ihr Bestes geben – oder dass sie kontrolliert werden müssen. Ob sie die Welt als feindlich erlebt oder als grundsätzlich gut.

Führung im Sinne guter Arbeit steht nicht im Dienst der Hierarchie, sondern im Dienst der Wirkung der Arbeit. Sie dient denjenigen, die diese Arbeit verrichten. Eine Führungskraft macht dann einen guten Job, wenn sie Bedingungen schafft, in denen Arbeit einfacher, klarer und würdiger wird. Wenn sie Potenziale sichtbar macht und fördert. Wenn Zusammenarbeit gelingt – auch dort, wo es unbequem wird.

Würde bedeutet dabei nicht Harmonie um jeden Preis. Würde heisst auch, Klartext zu sprechen. Fehler anzusprechen, Dinge beim Namen zu nennen – respektvoll, aber eindeutig. Führung, die Konflikte vermeidet, um sich selbst zu schützen, dient weder der Arbeit noch den Menschen. Unehrlichkeit, Ausweichen oder das Verstecken hinter Argumenten haben mit Würde wenig zu tun – das ist eigentlich feige.

Würde ist unabhängig vom Status

Würde beginnt dort, wo wir anerkennen, was geleistet wird – und mit welcher Absicht.

Eine Reinigungskraft, die ihre Arbeit gewissenhaft verrichtet, hat Würde. Auch dann, wenn sie keine „Karriere“ macht. Auch dann, wenn sie diesen Job aus Notwendigkeit ausübt, um ihre Familie zu versorgen. Würde ist nichts Elitäres. Sie ist etwas, das uns allen zusteht.

Gleichzeitig glaube ich: Würde gerät dort ins Wanken, wo Menschen dauerhaft Arbeit verrichten müssen, die ihrer inneren Berufung widerspricht – ohne Aussicht auf Entwicklung, ohne Gestaltungsspielraum, ohne Sinn. Das betrifft mehr Menschen, als wir denken.

Sinn als Einladung

Sinn in der Arbeit ist kein Luxus. Und auch kein rein spirituelles Thema. Studien zeigen: Organisationen mit einem klaren Sinn sind erfolgreicher, resilienter und menschlicher. Sinn wirkt – ganz weltlich.

Vielleicht beginnt Veränderung genau hier: mit einer einfachen, ehrlichen Frage:

Was ist der tiefere Sinn meiner Arbeit?

Wer sich diese Frage stellt, hat bereits begonnen, den eigenen Arbeitsort als Teil des Lebens zu begreifen. Als Ort, an dem Menschlichkeit möglich ist. An dem Wirkung zählt. An dem Führung sich als dienende Leistung versteht.

Wenn uns das gelingt – im Kleinen wie im Grossen – entsteht etwas, das sich schwer messen lässt, aber deutlich spürbar ist: Arbeit, die gut tut. Arbeit, die Sinn macht. Und vielleicht beginnt genau hier etwas, das wir oft suchen – im ganz normalen Arbeitsalltag.

Zu diesem Artikel gibt es noch keine Kommentare
Suchen